Sonntag, 21. Mai 2017

Afghans on the Balkan Route: From transit to trauma


Here is a report from my recent trip to Serbia and the Balkans (in German, but with many audios in English and Persian/Pashtu): after the ever more autotharian regime of Hungarian border forces tighten their grip on migrants from neighboring Serbia, many thousand young and growingly desperate persons are left traumatized, alone or with their families on the other side. While Serbia was for a long time considered a transit country - and the Belgrade authorities still stick to this narrative - reality shows that most of the 8.000 or more refugees currently living in Serbia will have to face a reality of staying and necessary integration in a country they do not wish to stay. The full report with audios and photography can be found here.

Mittwoch, 1. März 2017

Asylum & Deportation / Berlin debate Feb 3rd Asyl und Abschiebung / Debatte Berlin 3.Februar


After the tird plane with deported Afghans has left Germany for Kabul last week, the debate on Afghan asylum seekers in Germany becomes heated. No surprise, we are approaching elections in Germany, with populist parties like the AfD very likely to make their entry into the national parliament, the Bundestag. The Green party is holding a series of panels with decision makers and specialists this Friday in Berlin (here). One of the main questions will be, how to get more accurate or purely better reporting on the security situation in Afghanistan that will, if acknowledged by the political class, be equally taken up by German legal authorities. In the absence of deciding on the basis on a recently requested UNHCR report on the Afghan security situation, the German foreign office prefers to trusts its own reports, claiming that parts of Afghanistan are 'secure enough' to have the deported resettle there. The conditions and criteria of who is driven out and put on the planes is another conflictual issue. So far, the percentage of criminals among the deported seems to be much smaller than claimed by the German authorities. My modest role in this debate will be try and introduce some elementary facts rather than dig deeper in a debate of heated emotions (here).

Freitag, 17. Februar 2017

Vom Ende der Willkommenskultur


14. Februar 2017 Den 9. Februar 2017 wird man sich merken müssen. Womöglich geht er später einmal als der Tag in die Geschichte ein, an dem die deutsche Willkommenskultur, wie wir sie bisher kannten, geendet hat. Nicht weil Hunderttausende engagierter Freiwilliger und Ehrenamtlicher ihre Hilfe und Arbeit für Flüchtlinge einstellen. Vielmehr ist Angela Merkel selbst mit ihrer Partei dabei, das Ruder herumzureissen. Die Chance auf eine vierte Kanzlerschaft erscheint als hinreichender Grund dafür. Aber auch sozialdemokratisch und grün mitregierte Länder drängt es offenbar, Handlungsfähigkeit zu beweisen angesichts des sich ausbreitenden Populismus neuer Bewegungen. Die Beschlüsse, die Merkel den Ministerpräsidenten/innen der Bundesländer abgerungen hat (siehe hier) sind der klarste und vielleicht kühlste weil berechnete Bruch mit der bis dato propagierten Zuversicht einer Gesellschaft, deren Offenheit zunehmend in Selbstzweifel und Mißtrauen umschlägt. 
Die Vereinbarungen zwischen Berlin und den Länderchefs sind ohne die Anschläge von München, Würzburg, Freiburg und den Fall Anis Amri natürlich nicht denkbar. Angesichts einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft soll jetzt ein Bündel von Maßnahmen, das sich vor allem an die Rechtlosen unter uns richtet, den Glauben an die Politik und eine ordnende Hand wieder festigen. Ist dieses Bündel auch mit dem Rechtsstaat vereinbar? Abschiebungen sind in Deutschland Ländersache. Das jüngste Treffen erweckt den Eindruck, der Bund wolle nun ein Teil der Kompetenzen an sich ziehen. Die abweichenden Voten einiger Länder zeugen von der Sorge, dass und wie schnell Rechtsräume demnächst eingeschränkt werden könnten im Auftrag dieser ordnenden Hand. Wenn aber vermeintliche Gefahrenabwehr auf Kosten der freiheitlichen Grundordnung geht, ist ein point of no return erreicht. So hat z.B. Schleswig-Holstein diese Woche einen vorrübergehenden Abschiebestop für ausreisepflichtige Afghanen verhängt, mit der Begründung die unklare Sicherheit am Hindukusch gewährleiste zur Zeit nicht die Einhaltung völkerrechtlicher Standards, die mit der Rückführung der Abgeschobenen einhergehen müsse. Bemerkenswert erscheint, dass mit keinem Wort in dem zwölf-seitigen Papier Merkels mit den Länderchefs von Integration als politischem Ziel für Deutsche und Flüchtlinge die Rede. Die Abmachung suggeriert vielmehr ein Szenario der potenziellen Bedrohung, das von Asylbewerbern, Ausreisepflichtigen und Geduldeten ausgeht. Selbst Flüchtlinge, die über eine freiwillige Rückkehr in ihre Heimat nachdenken, dürften von den neuen Ankündigungen bis ins Mark erschüttert sein. 
Künftig soll etwa Abschiebehaft ohne Anordnung eines Richters auf bis zu zehn Tage ausgeweitet werden. Ein rechtlich höchst umstrittener Schritt. Bei der Einrichtung zentraler, vermutlich flughafennaher Rückkehrzentren unter Bundesaufsicht sollen die Bundesländer Listen mit zur Abschiebung bereitstehenden Ausreisepflichtiger zuliefern, wenn man das Beamtendeutsch auf seinen Kern herunterbricht. Das BAMF, als Behörde die das Asylrechtsverfahren als individuelles Recht zu prüfen hat, soll künftig Handys und SIM-Karten von Antragstellern auswerten können und bekäme damit polizeiähnliche Rechte. Auch wer schon länger in Deutschland geduldet ist, seinen Lebensmittelpunkt hier hat und Steuern zahlt, muss künftig fürchten, ohne Ankündigung abgeschoben zu werden. Begründet werden diese Maßnahmen unter anderem mit dem Risiko möglicher „Gefährder“ unter den Ausreisepflichigen (Baden-Württemberg fordert hier Klärung, wie genau der Begriff „Gefährder“ definiert ist. Das macht Sinn, zumal er bisher vor allem in der aufgeladenen Debatte um Islam, Religion und Ausländer eine Rolle spielt ; militante Reichsbürger dagegen oder Täter von Brandanschlägen auf Asylbewerberheime werden, warum auch immer, nicht mit dem Attribut in Verbindung gebracht). Dass der Staat erheblichen Gefahren gegenübersteht, kann vor dem Hintergrund der bekannten Ereignisse niemand abstreiten. Auch nicht, dass es erforderlicher Abwehrmaßnahmen bedarf, im Notfall präventiv. Dürfen aber Verfassungsgrundsätze, Asylrecht und Verhältnismäßigkeit dabei über Bord geworfen werden? Die Einsprüche von Thüringen und Baden-Württemberg im Annex der Beschlüsse lassen erahnen, dass – wenn nicht die Politik, so deutsche Gerichte – sich sehr bald mit der Rechtmäßigkeit der Beschlüsse beschäftigen werden, falls diese zur Umsetzung gelangen. Das Unerhörte wie auch Bedrückende an dem Beschluss-Papier ist, dass es so tut, als habe es spätestens seit 2015 keine aktive, erfolgreiche deutsche Zivilgesellschaft gegeben, die nach wie vor Vieles von dem auffängt und erledigt, was übervorsichtige, verunsicherte und zunehmend in Abwehr-Stellung verharrende Behörden nicht zuwege bringen. Das beginnt bei der Suche von Wohnraum für Menschen, die ein Jahr lang in Turnhallen als Notunterkünften ausharren müssen, ohne Privatsphäre und menschenwürdige Trennwände. Das betrifft Deutsch- und Integrationskurse, auf die Afghanen keinen rechtlichen Anspruch haben, zu denen ihnen viele dennoch verhelfen. Denn Helfer wie Ehrenamtliche wissen: Nichtstun wird schnell zur Belastung – für die Betroffenen selbst, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes. Dringend geboten erscheint hier etwa, die soziale Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge auszubauen statt Terror-Experten und Polizei auf sie anzusetzen. Nicht ganz zu Unrecht wähnen Kritiker, dass sich Behörden zur Abschiebung vor allem junge Alleinstehende vornehmen könnten in Zukunft, weil diese sozial wie psychisch besonders verwundbar sind. Man muss kein Freund von Abschiebe-Stopps sein, um zu erkennen, dass diese Beschlüsse das deutsche Asylrecht weiter aushöhlen werden. Ja sie könnten den Garantiegehalt dieses Grundrechts nachhaltig beschädigen. Der Blick in Geschichte, Theorie und Praxis der deutschen Migrationspolitik zeigt jedenfalls, dass wir es mit einer jahrzehntelangen Erosion in dieser Frage zu tun haben, weg von dem, was die Väter des Grundgesetzes einmal zur Maxime hatten, übrigens schon vor der grossen Reform des Asylrechts von 1992/93. (Zur Lektüre empfohlen sei hier u.a. die ‚Blackbox Abschiebung’/Edition Suhrkamp). Soziologisch gesehen erscheint es halbwegs verwegen, mit einem Kanon aus staatlichen Verschärfungen lösen zu wollen, was faktisch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und bleibt. Stutzig macht im Text u.a ein Vokabular der Exklusion statt der Inklusion, das den Geist Mc Kinseyscher Beratungsmanagments atmet. Statt Maßnahmen zur Flüchtlings-, Asyl- und Integration in der Hand des Staates weiter zu zentralisieren wäre vielmehr der Versuch lohnenswert, gemachte Erfahrungen auf lokaler wie regionaler Ebene systematisch auszutauschen. Denn Verfahrens- und Vertrauens-Stau bedingen sich, wie Gespräche mit Ehrenamtlichen und Behörden immer wieder bestätigen. Wer die Flüchtlings- und Asylfragen als das Generationenproblem versteht, das sie sind, der sollte auch nicht müde werden, Politik wie Kanzlerin an ihre eigenen Worte zu erinnern: „Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt ist deutsche Flexibilität gefragt.“ Der aktuelle Druck auf die Politik rührt fraglos von den Rändern der Gesellschaft her. Deren Wähler setzen die etablierten Parteien unter den Zwang einer bürgernahen Politik. Nicht ganz zu Unrecht. Dies darf allerdings nicht dazu führen, einen zunehmend medienfähigen Populismus allein mit Werkzeugen aus der Kiste des sanktionierenden Staates zu begegnen. Wer so denkt fördert womöglich einen Ethno-Nationalismus, der sich zunehmend in Europa wie den USA breit macht. 
Sind es – um einmal die deutsche Debatte im globalen Kontext anzusiedeln – mehr als imaginäre Linien, die hier zwischen europäischer Asylpolitik und dem jüngsten Einreiseverbot Donald Trumps für die USA verlaufen? In der Debatte um nach Afrika zu verlagernde Zentren zur Registrierung (und Abweisung) von Flüchtlingen in Libyen und den nordafrikanischen Ländern steht jedenfalls der Gedanke der Festung Europa im Vordergrund, die ihre Zähne zeigt. Maßgebende Wortführer in der EU haben bisher alle kritischen Einwände, die sich hierzu aus der Genfer Flüchtlingskonvention und Erfahrungen mit Staaten wie Libyen ergeben, vom Tisch zu wischen vermocht. Helfer der Willkommenskultur und ihre Anwälte, deutsche Gerichte und Sachverständige werden sich deshalb neu orientieren müssen ab jetzt (s. hier; hier), falls sie nicht erleben wollen, was betroffene Pflegeeltern zuletzt passiert ist: die Flüchtlinge, die sie betreuen, hat man ohne Vorankündigung nach Afghanistan abgeschoben. Einer der frisch Abgeschobenen ist wenige Tage nach Ankunft bei einem Anschlag in Kabul verletzt worden. Bei dem Anschlag kamen 21 Menschen ums Leben. (hier) Ob sich daraus ein Anspruch auf Rückführung nach Deutschland ableiten lässt? Solche Fragen werden Behörden und Anwaltskammern in Zukunft absehbar beschäftigen. Die Flüge mit Abschiebungen nach Afghanistan, seit Dezember letzten Jahres ein Flug pro Monat, haben besagten Politikwechsel schon vor monatsfrist angekündigt. Erkenntnisse über Einzelschicksale der Abgeschobenen nach Rückkehr in Afghanistan legen die Vermutung nah, dass es auf deutscher Seite an klaren, ausreichenden Kriterien für die Abschiebungen fehlt. Die wenigsten sind offenbar Schwerkriminelle, wie das Vokabular gegenüber der Öffentlichkeit suggeriert. Vielmehr scheinen Schwarzfahrer wie Kleindelinquenten darunter zu sein. Andere gehören der Minderheit der Hindus an, die schon längere Zeit in Afghanistan stigmatisiert ist und die unter den Taliban sogar mit farbigen Stoffmarkierungen als Minderheit gebrandmarkt wurde. Um jeden Abgeschobenen kümmern sich auf dem Flug bis zu drei Sicherheitsbeamte. Jeder Flug verursacht Kosten von rund 300.000 Euro. Verhältnismäßig? Neben Organisationen wie Pro Asyl (hier) haben sich mehrere Bundesverfassungsrichter kritisch geäußert über die dünne Grundlage, auf deren Basis man betroffene Afghanen zurück in ihre Heimat befördert hat. Das Problem ist vielfach ein Wettlauf mit der Zeit. Um alle Instanzen zum höchsten Gericht auszuschöpfen, müssen die Betroffenen zeitig erfahren, dass ihrem Mandant die Abschiebung droht. Fristen zur Unterrichtung, wie sie in die deutsch-afghanische Rückführungs-Erklärung enthält, scheinen nicht durchweg eingehalten worden zu sein. Für viele der Abgeschobenen, so ist zu hören, endet in Kabul nach zwei Wochen der häusliche Schutz durch afghanische Behörden. Wer nach Jalalabad oder Herat weiterreist, ist dort nicht sicher, nach Kriterien des jüngsten UN-Berichts, den die Bundesregierung angefordert hat. Dabei muss man gar nicht automatisch das Szenario der Gefahr durch die Taliban bemühen, um klarzumachen, das vielfältige Gefahren im Alltag drohen. In Herat, der zweitgrössten Stadt des Landes etwa, sind Entführungen, die immer wieder tödlich enden, seit Jahren ein lukratives Geschäft. Ins Zielfeld können Afghanen mit oder ohne Kinder geraten sobald sie Ärmeren als reich oder neureich gelten. Als reich gilt oft, wer aus Europa zurück kommt und es dort ausgehalten hat. Unverkennbar trägt Deutschland aufgrund von 16 Jahren militärischer Präsenz und zivilem Aufbau in Afghanistan eine Mitverantwortung für die (Sicherheits)Lage wie sie sich aktuell am Hindukusch präsentiert. Das zu leugnen grenzte an eine Verdrehung der Tataschen. Hätten die Geberländer mit dem ISAF-Militär zu Zeiten eine robuste afghanische Armee aufgebaut, es gäbe viele der Probleme heute wohl nicht. Ähnlich verhält es sich mit der desolaten wirtschaftlichen Lage, in die das Land nach dem Abzug des ISAF-Militärs und vieler Hilfsorganisationen gestürzt ist. Der Sturz war absehbar. Auch hier sind Deutschland und die Geberländern aufgerufen, nachhaltige Wirtschaftskonzepte mit der afghansichen Seite einzulösen, um die ausgelösten Abwanderungsbewegungen zu stoppen. Immer wieder erneuerte Millionen-Gelder sind kein Garant dafür. Vielmehr nachhaltige und langfristige Konzepte, die hiesige wie dortige Erfahrungen kultursensibel und pragmatisch zusammenbringen. Sehr wahrscheinlich werden v.a. junge Menschen in grösserer Zahl ihr Land gleichwohl verlassen. Die Zahlen werden hoch bleiben, wenn auch deutlich schwankend, aufgrund der Nachrichten von der Balkan-Route, dem Sterben im Mittelmeer etc., die sich nicht nur in Afghanistan herumgesprochen haben. Maßgebend ist, die Ursachen für soziale und gesellschaftliche Ungleichheit anzugehen und die endemische Korruption in den Griff zu bekommen. Was lernen wir aus all dem? Willkommenskultur ist an Werte, Überzeugungen und eine Grundhaltung gebunden. Eine dazugehörige Kultur will erarbeitet und gelebt sein. Sie wächst nicht aus einer (medial bestärkten) subjektiven Überzeugung das Richtige zu tun, wie das zunehmend kritische Echo älterer wie neu migrierter Mitbürger und Intellektueller in unseren Feuilletons zeigen. Der Aufruf des neuen Bundespräsidenten gemeinsam „mutig zu sein“ 
kann in diesem Kontext nur Wirkung entfalten, wenn es eine Debatte jenseits von Rechtsverschärfungen gibt. Jeder Schritt, der sich davon entfernt, kommt der Absage an eine Gesellschaft gleich, die sich eine wie auch immer geartete Verbesserung der Situation im Dialog zutraut. Besonders gefordert sind hier auch die Medien, die sich in Wort- und Themenwahl unbedingt hinterfragen müssen. Fast täglich wachen wir mittlerweile auf mit Schreckensmeldungen über vermeintliche ‚Gefährder‘, Razzien gegen mutmaßliche Salafisten oder minderjährige IS-Sympathisanten, von denen viele aus der Mitte dieser Gesellschaft stammen. Viel zu selten wachen wir dagegen auf mit Beispielen praktizierter Integration und kritischer Reflexion über unser Fremd- und Selbstbild im Frühstücksfernsehen, oder von erfolgreicher Konfliktlösung unter neuen wie alten Mitbürgern im. Mit der nötigen Ausgewogenheit wäre hier schon viel geholfen. (Foto/Düsseldrofer Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan, 11.2.17 / Q: Ehsan Hadid, Forum Afghanischer Migranten Köln)

Montag, 23. Januar 2017

The Pain of others: Kabul - Aleppo - Mossul


English (for German version see below). There are sentences, in conversation with refugees and migrants, which one would like to consider twice: „Our war in Afghanistan is more intense than the war in Syria“, is such a sentence. I hear it from young Afghans I have to deal with. One is tempted to deny the sentence, looking at the focus in our media on Aleppo, the most recent symbol of the Syrian catastrophe. But Afghanistan, also, has doubtlessly seen its ‚Aleppo‘. The dimension of the destruction of Kabul in the years 1992-94 may be reminiscent of what elder viewers may remember as very scarce television footage. 
What young Afghans really want to express with the sentence is: ‚We are second class as compared to Syrians in the race for integration in Germany. They prefer them to us.‘ There is some truth to this, without doubt. Afghans in Germany have no automatic access to integration and language courses supporting their integration. This has consequences for their housing and health care, for the social and psycho-social care they get. It may have to do with these facts that in recent months 25 mainly young Afghans have comitted suicide. And that this news was spoken out in public by an Afghan ambassador, otherwise diplomatically silent on comparable issues.(here) Let us therefore look again at the sentence: „Our war in Afghanistan is more intense than the war in Syria“. The war in the Hindukush may indeed be less visible, less intense these days. But it has been going on for much longer. 30 years of war have numerous consequences on the psyche of the people, on the infrastructure of a country and on the functioning of its institutions. Unquestionably in this, Afghanistan is in a deeper state of depression than present-day Syria. One can easily notice this encounters with the people in Afghanistan, if one listens long enough to them.

The image in the German public opinion on Aleppo, Kabul and Mosul, the last IS-stronghold in Iraq, is determined by the daily news, more than by the political agenda itself. Politicians need to constantly squeeze there messagees through the filter of new agencies and social media. The result is: Afghanistan is no longer sexy. Please forgive me this casual expression. It is Syria that is sexy now. 
Mosul, actually, should be equally sexy from a media driven standpoint. But it isn’t. And this despite the fact that its civil population is suffering a struggle that is certainly not less tragic in confronting ISIS than Al Assad or the armed opposition in Aleppo. In the words of Susan Sontag: the pain of the others just cannot be viewed in Mosul at the moment. Photo agencies, internet and Tv are not broadcasting it in our homes, which is remarkable seen the attention the IS has absorbed in the media for years now. The IS itself has obviously little interest in inviting foreign authors and photographers to its sphere of influence. On the side of the international anti-IS coalition, the Iraqi army for its part is very restrictive with regard to foreign media coverage on the battle for Mosul. Protests from international correspondents, normally given a fair echo in Western news agencies, have not resonated substantially so far. In terms of the political symbolism surrounding ISIS though, there is hardly a place as important as Mosul these days. But no pictures signify no war, in the words of Susan Sontag. To escape any discussion on fake news; The most recent bulletin of the United Nations on Mosul states: „The reports from inside western Mosul are distressing. Humanitarian partners are unable to access these areas but all the evidence points to a sharply deteriorating situation. The prices of basic food and supplies are soaring. Water and electricity are intermittent in neighbourhoods and many families without income are eating only once a day. Others are being forced to burn furniture to stay warm. (…) „We don’t know what will happen in western Mosul but we cannot rule out the possibility of siege-like conditions or a mass exodus. To date, nearly half of all the casualties from Mosul are civilians. It’s terrifying to think of the risks families are facing. They can be killed by booby-traps and in cross-fire and could be used as human shields.“ (…) „The world’s attention is fixed on the military campaign in Iraq. But once this is over, there will still be a humanitarian crisis. As many as three million Iraqis, maybe even four million depending on what happens in Mosul, Hawiga and Tel Afar may be displaced from their homes as a result of the conflict. These families will need to make crucial choices about how to rebuild and re-establish their lives. And we will need to be here to help them. We hope and trust that the international community will not walk away after Mosul. It would be a mistake — a very big one — if this were to happen. “ We are talking about an estimated 500,00-750,000 civilians in Mosul, who are confronted with the immediate break out of the battle in the center of Mosul. And wether the Iraqi military prefers its timetable (victory over the IS by the end of march) to a move forward coordinated under the necessary humanitarian logics remains still to be seen.

Afghanistan meanwhile is home to as many refugees and internally displaced people like never before in the past years. From Pakistan, more than 600,000 people have crossed the border, mostly forced to. Others have followed calls from the government in Kabul that seem to have a political background. Also, several hundred thousands returnees have been coming in from Iran. (here). To this comes an even higher number of internally displaced people, escaping fighting in a considerable number of provinces. To this come gang-orchestrated violence, abductions and a reality of general impunity. In the face of these facts, the few hundred Afghans forcibly returned from Germany or out of free will, are a small number. But their deportations, for good reasons, continue to makes the headlines. The German government is trying to implement its recent agreement with Kabul, not more than a declaration of intent. In the meantime, different provincial governments have opposed Germany's minister of interior and suggest to suspended deportations to Afghanistan for at least three months. There analysis is based on sources from the United Nations in Afghanistan. Accordingly to its mission, a forced return is not responsible. If the document would prevail nevertheless, it might be because two unequal protagonists are sitting at the table, with Kabul being pressured in the face of foreign aid it remains dependent on. On the other hand, let us not be mistaken about how fragile Afghanistan has become in recent years, always said to be close to the abyss. Why is it that so? What is our share in this? Why have so many expensive programs on good governance been so ineffective in outcome? An open debate on this would bring us closer to an honest assessment of aid policies on the international intervention in Afghanistan (the final goal of which still remains unclear). In carrying out this assessment, we would be likely to approach a fairer deal also with regard to the refugees and migrants who have come to Europe. ------- Photo: Mosul refugees, Hassan Sham Camp, Iraq (M.G.) -------- ------------- German version ---------------------------------------------------- Es gibt Sätze, im Gespräch mit Flüchtlingen und Migranten, die man zweimal bedenken möchte: 
„Der Krieg bei uns in Afghanistan ist intensiver als der in Syrien zur Zeit“ – ist so ein Satz. Ich höre ihn von jungen Afghanen, mit denen ich zu tun habe. Man ist zunächst versucht, dies zu bestreiten, angesichts des Fokus auf Aleppo in unseren Medien. 
Dabei hat Afghanistan zweifelsfrei sein ‚Aleppo‘ gehabt. Die Dimension der Zerstörung Kabuls in den Jahren 1992-94 mag Älteren über damals noch sehr spärliches Fernseh-Material in Erinnerung sein.
 Was junge Afghanen heute ausdrücken wollen mit diesen Worten ist: ‚Wir haben das Nachsehen gegenüber jungen Syrern bei der Integration in Deutschland. Sie werden bevorzugt.‘ 
Das stimmt ohne Frage. Afghanen gehören nicht in die Gruppe jener Bürger, die als erste und zuvorderst Zugang zu Integrations- und Sprachkursen geniessen. Das hat Folgen bei der Wohnungssuche und der Gesundheitsversorgung, bei sozialer und psycho-sozialer Betreuung. 
Man mag erschrecken ob der Zahl von jüngst 25 Selbstmorden überwiegend junger Afghanen, und der Tatsache, dass ausgerechnet ein afghanischer Botschafter, sonst amtsgemäß verschwiegen, damit an die Öffentlichkeit geht. (hier) Vielleicht nimmt man sich an der Stelle den Satz noch einmal vor „Der Krieg bei uns in Afghanistan ist intensiver als der in Syrien zur Zeit“. Aktuell mag der Krieg am Hindukusch weniger sichtbar sein, weniger intensiv. Er dauert indes weit länger. Und auch das meint die Aussage. Denn die Folgen von über 30 Jahren Krieg auf die Verfasstheit und Psyche der Menschen, auf die Infrastruktur eines Landes und das Funktionieren seiner Institutionen sind in toto gesehen dann fraglos wohl tiefgehender als im heutigen Syrien. Man kann dies übrigens auch an der Begegnung mit den Menschen spüren, wenn man ihnen lang genug zuhört. Das Bild in der deutschen Öffentlichkeit über Aleppo, Kabul und Mossul, der letzten IS-Hochburg im Irak, wird durch tagesaktuelle Medien bestimmt, mehr noch als durch Politik primär, die sich immerzu durch den Filter von Agenturen, Nachrichten und social media hindurchzwängen muss. Afghanistan ist dabei nicht mehr sexy. Man verzeihe mir die Ausdrucksweise. Nun ist Syrien sexy. Auch weil es Bild-Angebote von dort gibt, die über internationale Agenturen zu uns kommen trotz allem. Bilder, die gelesen, interpretiert und von in ihrer oft missbräuchlichen Absicht entkleidet werden müssen. Insofern steht etwa Mossul weitgehend Teil im medialen Schatten der Weltöffentlichkeit derzeit. Und dies, obwohl seine Zivilbevölkerung einen sicher nicht weniger tragischen Kampf in der letzten IS-Hochburg im Irak erleidet. Anders als in Aleppo. Weil hier zur Zeit – nach Susan Sontag – sich das Leid der Anderen eben gerade aktuell nicht betrachten lässt. Foto, Internet und Fernsehen liefern diesen Konflikt gegen den IS nicht zu unseren Hausantennen und -netzen, was angesichts der medialen wie politischen Aufmerksamkeit, die das Thema seit Jahren absorbiert, bemerkenswert ist. Zum Einen hat der IS offenbar wenig Interesse, Bilder fremder Autoren aus seinem Einflussgebiet zu verbreiten. Auf Seiten der Anti-IS-Koalition verfährt die irakische Armee umgekehrt recht restriktiv gegenüber ausländischen Medien und ihrem Bild-Angebot vom Kampf um Mossul. Gemessen an der politischen Symbolik um das Thema IS gibt es allerdings kaum einen Ort, der wichtiger erscheint als Mossul dieser Tage. No pictures bedeutet hier ein ums andere Mal no news. Ablesen lässt sich das unter anderem an neueste Bulletin der Vereinten Nationen im Irak von heute. Es heisst dort u.a.: „The reports from inside western Mosul are distressing. Humanitarian partners are unable to access these areas but all the evidence points to a sharply deteriorating situation. The prices of basic food and supplies are soaring. Water and electricity are intermittent in neighbourhoods and many families without income are eating only once a day. Others are being forced to burn furniture to stay warm. (…) „We don’t know what will happen in western Mosul but we cannot rule out the possibility of siege-like conditions or a mass exodus. To date, nearly half of all the casualties from Mosul are civilians. It’s terrifying to think of the risks families are facing. They can be killed by booby-traps and in cross-fire and could be used as human shields.“ (…) „The world’s attention is fixed on the military campaign in Iraq. But once this is over, there will still be a humanitarian crisis. As many as three million Iraqis, maybe even four million depending on what happens in Mosul, Hawiga and Tel Afar may be displaced from their homes as a result of the conflict. These families will need to make crucial choices about how to rebuild and re-establish their lives. And we will need to be here to help them. We hope and trust that the international community will not walk away after Mosul. It would be a mistake — a very big one — if this were to happen. “ Wir reden von geschätzten 750.000 Zivilisten in Mossul, die gegenwärtig im Westen der Stadt im Zentrum ausharren. Der Kampf dort könnte unmittelbar ausbrechen, wenn das irakische Militär seine Zeitplanung (Sieg über den IS bis Ende März) einem mit diplomatischen und humanitären Organisationen soweit als möglich abgestimmten Vorgehen vorzieht. Afghanistan beherbergt – aud das man vergisst dies leicht – zur Zeit so viele Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge wie kaum ein Land in der Region. Aus Pakistan sind über 600.000 Menschen zurück über die Grenze gekommen, überwiegend unfreiwillig. Ein anderer Teil ist politischen Eingebungen aus Kabul gefolgt. Mehrere Hunderttausend Rückkehrer aus dem Iran kommen hinzu (hier). Hunderttausende Binnenflüchtlinge, weil in vielen Provinzen gekämpft, ungestraft getötet oder entführt wird. Dagegen verblassen die wenigen Hundert afghanischer Rückkehrer aus Deutschland, auch hier Freiwillige wie Unfreiwillige. Die forcierte Zahl ihrer Abschiebungen macht monatlich Schlagzeilen. Die Bundesregierung versucht nun, das jüngste Abkommen mit Kabul zur Rückführung umzusetzen. Es steht auf dünnem Fundament, weil das Abkommen tatsächlich nicht mehr als eine Absichtserklärung ist, eine declaration of intent. Einige Bundesländer haben sich inzwischen gegen den Bundesinnenminister und dafür ausgesprochen, Abschiebungen um mindestens drei Monate auszusetzen und berufen sich auf eine Analyse der Gefahrenlage durch die Vereinten Nationen. Demnach sei eine Rückführung nicht zu verantworten. Wenn das Abkommen dennoch halten sollte, dann womöglich, weil hier zwei Nicht-Gleichberechtigte am Tisch sitzen und sich immer noch Druck auf Kabul ausüben lässt angesichts der Hilfsgelder, die Organisationen und Behörden am Hindukusch Leben einhauchen. Umgekehrt täusche sich keiner über die politische Fragilität eines Landes, dem seit Jahren prognostiziert wird, dass es am Abgrund wandelt. Warum steht es dort? Was ist unser Anteil daran, die wir gut gemeinte aber zu oft verfehlte weil den Verhältnissen nicht ausreichend angepasste Programme von good governance den Afghanen verordnet haben? Eine offene Debatte würde uns der eigenen Bilanz des Afghanistan-Einsatzes näher bringen (dessen politisches Ziel im Übrigen nach wie vor nicht eindeutig und endgültig benannt ist). Mit ihr würden wir auch einem faireren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten näher kommen. Die Konflikt-Forschung, und ich bekomme das leidlich mit an den Universitäten, an denen ich unterrichten darf, unternimmt bei all dem nicht ausreichend Anstrengungen einer vergleichenden Ursachenforschung und wägt zu wenig in Frage kommende Lösungsansätze gegen bereits erprobte ab, um die daraus resultierenden Erkenntnis wiederum mit Think Tanks und Politik zu vernetzen.

Samstag, 25. Juni 2016

Brexit, Migration & Afghanistan


On the day after England's exit from the European Union - a hazardous referendum choice, full of unanswered questions and political threats at the European level (see inbetween others Timothy Garton Ash's essay here - it is clear that not only is the British society deeply devided between young and old, urban and rural, educated and less-educated; without any doubt the migration crisis of the last months and the immigration realities which the country is confronted with, have had consequences in the result of the referendum. A long time Afghan collegue, familiar with both, the British and the Afghan world, and for some years already living in England writes on the result: "This was coming and i am really surprised the elites didn't see it. they have their heads stuck up their arses and even after firm rejection of status quo they see this as fluky aberration. the main concern for leaving the EU was immigration and this is based on unfounded assertions about the impact and nature of immigration. The public parroted the fears of the establishment which is set by the elites or influential apparatus of capitalism i.e. media, celebrities, social media - the proxies. for decades the elites and their proxies have been banging on about immigration blaming the others for their own shortcomings and now they are surprised why middle England is driven by xenophobia. added to this mix is the EU which is a rigid institution with round headed rules that constantly tries to control more of our lives. this process of capital and power accumulation by oligarchy creates a burlesque culture marked by lethargy, trivia, apathy. the public is easily distracted and misinformed, a hotbed for xenophobia to become the political drive. As an Afghan who doesn't enjoy the protection of a state I can assure you the establishment has been out for me and their assault on basic individual rights are so appalling and grievous that it undermines the rule of law but also decency and kindness. changing leave rules and imposing restrictions have been only tolerable because I had no place to go and this has been done to create content for an anti immigration agenda. feeding into public fear, making a programme out of vulnerable people, dehumanising the others have all been the politics of establishment. it was bound to nurture the current political climate. what i find fascinating the most is the liberals. they are furious because this has offended their sense of identity while many non-white/non-EU people have lived for decades a dignified and honourable life in a culture marred by racism and institutionally xenophobic. --- This sentiment is also echoed by some of the British native comments, critical of themselves and of the 'establishment'. Maya Goodfellow a young freelance journalist from London draws a bridge to the European phenomenon involved in the vote: "The core element of the whole campaign: messages filled with hatered about migrants. Immigrants were made scapegoats in this campaign at any occasion, being demonized. A rhetoric that had been built up by our politicians and the media in recent years. But anti-immigration rhetoric is also a phenomenon that is sweeping all across Europe. It has become a common truth, to make foreigners responsible for all our problems. This is in many ways a return to the 1930s; also back than did hatred and fear characterize the political and public fields. It is a mindset that we must under no circumstances allow to continue to grow." --- A few days ago, ZENITH, a reknown German political magazine for Western-Eastern relations and the dialogue with the islamic world, asked me about a comprehensive essay on the exodus of the young Afghan generation to the old continent and about the EUROPEAN DREAM of the Afghan generation 2.0. The text is in German here as of now, the English version is to follow shortly. ________________________________________________ Am 24. Februar landet auf dem internationalen Flughafen in Kabul ein Sonderflug aus Deutschland. An Bord der Smartwings-Maschine, einer tschechischen Billigfluggesellschaft, sind 125 Passagiere. Alles afghanische Flüchtlinge und Migranten, die in ihr Heimatland zurückkehren. Freiwillig, wie die Bundesregierung betont. Denn Zwangsabschiebungen würden angesichts des Bildes in den Medien, um das sich die Regierung Merkel bemüht, den Eindruck von Mildtätigkeit stören. So erklärt Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der zuvor mehrfach mit der Regierung in Kabul über die Rücknahme des ersten Kontingents verhandelt hatte, man wolle den Rückkehrern »wieder eine Existenz und Lebensperspektive schaffen«, und weiter auf »Hilfe zur Selbsthilfe« setzen. Als Zubrot zur freiwilligen Rückkehr erhalten die Afghanen eine Anschubfinanzierung von wenigen Hundert Euro. In Kabul reicht dies allerdings für einen Neustart kaum aus. Die Stadt lebt im Rhythmus von Teuerungsraten. Und die meisten Afghanen, die vor Monaten nach Deutschland und Europa geflüchtet sind, haben neben dem erheblichen Risiko auch hohe Schulden angehäuft. So der afghanische Asylbewerber Khodaye, der ebenfalls im Februar nach Afghanistan zurückkehrt ist. Der 24-Jährige, der über Pakistan und den Iran nach Europa geflohen war, ist allerdings nie richtig in Deutschland angekommen. Er berichtet über katastrophale Zustände am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Syrische Flüchtlinge seien dort nach seinem Eindruck bevorzugt worden. Am Ende, so gibt er an, hätten Übergriffe des Wachpersonals und Gefühle der menschlichen Erniedrigung ihn bewegt, wieder an den Hindukusch zurückzukehren. In Afghanistan war Khodaye Polizist. In Deutschland gab er an, von den Taliban verfolgt zu sein. »Ich habe Taliban getötet. Die kennen mich, mein Leben war in akuter Gefahr«, erzählt er deutschen Medien über seine Arbeit in der Heimatprovinz Baghlan im Norden Afghanistans. Trotzdem will er sich wieder der Polizei anschließen. In keinem anderen Beruf sterben in Afghanistan so viele Sicherheitskräfte durch Anschläge. Wer keinen Berufsabschluss hat, für den kann die Polizeiarbeit immerhin ein lohnendes Ziel sein. Baghlan ist ehemaliges Einsatzgebiet der Bundeswehr und grenzt an die Provinz Kunduz. Kunduz symbolisiert für die deutsche Politik und Bevölkerung die zahlreichen Traumata des Afghanistan-Einsatzes. Im April, knapp ein halbes Jahr nachdem die Taliban 2015 Kunduz für kurze Zeit zurückerobert hatten, stehen radikale Kämpfer erneut vor den Toren der Stadt. Zwar ist die Zahl afghanischer Sicherheitskräfte in den vergangenen Monaten und nach diversen Pannen im Sicherheitsapparat verstärkt worden. Aber das Grundübel – zu wenige, wenig spezialisierte paramilitärische Polizisten, zu wenig Spezialkräfte und verlässlichere Milizen in der Fläche – bleibt unverändert bestehen. Der Fall Kunduz kann auch erklären, warum die Menschen in Afghanistan über die Jahre kein Vertrauen in den Staat fassen und sich längst nach Alternativen außerhalb des Landes umsehen. Zumal der Abzug der ISAF- und NATO-Truppen aus dem Land nach Expertenmeinung übereilt erfolgt ist und eine nun schon über mehrere Jahre andauernde tiefe ökonomische Depression ausgelöst hat. Die ohnehin bestehende Massenarbeitslosigkeit unter jungen Menschen birgt ihrerseits das Risiko politischer Radikalisierung. So bieten der »Islamische Staat« (IS) (in Afghanistan Daesh genannt, falls ihr das austauschen wollt) und die Taliban jungen Rekruten oft mehr Geld, als es die staatliche Polizei vermag. So bleibt die Losung »neue Lebensperspektiven für die freiwilligen Rückkehrer« vor allem ein Wunsch. In der Mehrzahl der Provinzen ist die Lage instabil und unsicher. Aufständische gewinnen eher an Terrain als umgekehrt. Die Kabuler Regierung möchte zwar mithilfe der USA, Pakistans und Chinas so rasch wie möglich in Gespräche mit den Taliban einsteigen. Die aber zeigen keine Eile und haben eine erneute Frühjahrsoffensive gestartet, angefangen mit einem vernichtenden Anschlag im Herzen Kabuls Mitte April 2016. Zugleich bemühen sich afghanisches und US-Militär der Gefahr durch Daesh im Nordosten des Landes mithilfe von Drohnenangriffen Herr zu werden. Und so macht es wenig Sinn, Afghanen, die nach Deutschland kommen in Wirtschafts- oder politische Flüchtlinge aufzuteilen. Wirtschaftliche Gründe für Flucht und Migration gehen in Afghanistan immer mit fehlender Sicherheit einher. Beobachten lässt sich das etwa am Busbahnhof von Kabul. Hier im Nordwesten der Stadt trifft man noch (?? ohne besser) Minder- wie Volljährige. Bärtige in Perhan Tamban, dem traditionellen weiten Hemd mit Pluderhose, und rasierte junge Männer in Jeans, die für ein Busticket in den Iran anstehen. Zwar ist der Andrang mittlerweile gesunken. Die Nachricht von der versperrten Balkanroute hat sich in Kabul verbreitet. Trotzdem ist die Nachfrage nicht zum Erliegen gekommen. »Nimroz, Nimroz«, schreit ein Verkäufer mit Patu, einer Decke aus Schafswolle, die er auf seinen Schultern trägt. Ein Jugendlicher, 17 Jahre alt, sucht nach einer Mitfahrt für umgerechnet 10 US-Dollar: »Ich will in den Iran und von da aus weiter. Hier gibt es keine Sicherheit, keine Chance, zwei Dollar am Tag zu verdienen. Deutschland, habe ich gehört, ist sicher. Da gibt es Arbeit und Fabriken.« Ob der Junge aus eigenen Stücken geht oder von der Familie als Vorhut geschickt wird, bleibt unklar. Neben ihm steht ein Busfahrer, der zwischen iranischer Grenze und Kabul pendelt. »Es fahren selbst 13- und 14-Jährige von hier ab. Sie suchen Arbeit. Die Menschen sind unzufrieden mit der Regierung, weil sie keine neuen Beschäftigungsmöglichkeiten schafft«. Damit nicht noch mehr Afghanen nach Deutschland kommen, hat die deutsche Botschaft in Kabul im Herbst 2015 begonnen, große Plakate auf den Straßen von Kabul anzubringen. »Afghanistan verlassen? Haben Sie sich das gut überlegt?«, steht darauf in den Landessprachen Dari und Paschto. Die Facebook-Seite »Rumors about Germany« will zudem Gerüchte zerstreuen. »Deutschland ein Einwanderungsland? Nein. Illegale Einreise wird strafrechtlich verfolgt«, ist dort zu lesen. Das Auswärtige Amt nennt es eine Aufklärungskampagne. Menschenrechtsorganisationen sehen vor allem den abschreckenden Effekt. Von einem Arbeitsverbot für Asylbewerber in Deutschland etwa haben die Reisenden am Busbahnhof in Kabul keine Vorstellung. Sie geben sich optimistisch, auch trotzig: »Wenn wir Europa erreichen, werden wir ganz unten anfangen, um etwas zu verdienen und es unseren Familien daheim schicken«, so ein Mann. Sharif, Student der Ingenieurwissenschaften an der Universität Kabul, hilft mir bei der Übersetzung. »Mein eigener Bruder ist nach Deutschland ausgewandert. Er hat Wirtschaft im 2. Semester studiert. Dann hörte er plötzlich auf, zur Uni zu gehen. Er hat nur noch zuhause rumgesessen. Ein Verwandter in Deutschland hat ihm von den Vorzügen erzählt. Sie haben über Facebook gesprochen. Er hat erzählt, dass er dort weiterkommen und vielleicht Karriere machen könne. Das hat ihn ganz verrückt gemacht«, erzählt er auf dem Rückweg zur Universität. Mitauslöser der Massenauswanderung seit 2015 sind vor allem Facebook-Netzwerke, so der Fotograf Massoud Hosseini: »Es kursieren dort allerlei Gerüchte. Etwa dass Angela Merkel an alle Muslime gerichtet gesagt habe soll: ›Fahrt nicht nach Mekka, sondern lieber nach Europa! Deutschland wird euch menschlich behandeln und aufnehmen‹.« Hosseini ist Anfang dreißig und reist viel ins Ausland. Bisher kehrt er immer wieder zurück: »Die Hälfte meiner Freunde ist unterwegs nach Deutschland: Künstler, junge Autoren, mit denen ich immer zum Kaffee saß. Es ist ein Desaster.« Kritiker der Pläne zur freiwilligen Rückkehr nach Afghanistan sitzen unverändert im afghanischen Parlament. Beim Minister für Flüchtlingsfragen, Alemi Balkhi, finden sie Rückhalt. Solange Krieg herrsche in Afghanistan, gebe es eine Verpflichtung des Westens, Flüchtlinge nicht zurück zu schicken, finden viele Abgeordnete. »Wir können die massenhafte Emigration momentan nicht stoppen«, so Balkhi vor dem Parlament. »Es ist unmöglich, die Menschen physisch am Auswandern zu hindern. Keine Institution kann das verbieten. Ein Teil verlässt das Land mit Hilfe von Schmugglern. Das entzieht sich dem Auge der staatlichen Behörden.« Tatsächlich wird viel über organisierte Schlepper-Ringe am Hindukusch berichtet. Unklar ist, ob die afghanischen Sicherheitskräfte ihnen nicht Herr werden können oder wollen. Noch unlängst haben Schlepper die Wirtschaftskrise für ihre Zwecke genutzt. Für die Reise nach Europa forderten sie reduzierte Preise von 6.000 bis 7.000 US-Dollar statt zuvor 10.000 bis 15.000, erzählen die Menschen am Busbahnhof. Da hilft es wenig, dass die Politik in Berlin gelegentlich mit der Kürzung der Entwicklungshilfe droht. Thomas Ruttig, Co-Direktor des »Afghanistan Analysts Network«, einer Forschungseinrichtung in Kabul, findet das wenig glaubwürdig: »Da fehlen mir die Worte, wenn ich das höre. Vielleicht sollte der Minister mal in den Berichten unbescholtener Organisationen wie Oxfam, UN und Weltbank über die Effektivität von Entwicklungshilfe im Land nachlesen. Und wie viel davon zurückgeflossen ist. Die Weltbank rechnet, dass nur 15 bis 30 Prozent ›in-country impact‹ hatten, also tatsächlich Veränderungen im Land angestoßen haben. Dazu kommt die Korruption, die ja nicht nur auf afghanischem Boden gewachsen ist, sondern die wir ja mit gefördert haben.« Klar ist: Afghanistan erlebt seit Monaten einen dramatischen »Brain Drain«, der auch und vor allem die urbane Mittelschicht betrifft. »Die Mittelklasse verfügt über finanzielle Reserven für die Reise nach Europa. Wenn aber immer mehr junge, gebildete Menschen Afghanistan verlassen, wird das zur Gefahr für Stabilität und Sicherheit des Landes«, meint der Philosoph und Islamwissenschaftler Ali Amiri. Amiri ist Mitbegründer einer Universität, die selbst massiv betroffen von der Abwanderung ist: »Bereits 280 unserer Studenten – junge Männer wie Frauen – kommen nicht mehr zum Unterricht. Sie sind jetzt in Hamburg und in Köln. Aber ich möchte klarstellen: Ich habe Niemanden dazu animiert. Im Gegenteil.« Amiri nennt die Flucht einen beispiellosen kulturellen Wandel unter jungen Afghanen: »Wir reden hier von einem europäischen Traum vieler junger Leute. So wie es einen amerikanischen Traum gibt. Von Europa geht eindeutig eine Magie aus. Eines dürfen wir nicht vergessen: Viele junge Menschen in Afghanistan und den islamischen Ländern akzeptieren längst nicht mehr die Werte und Traditionen, wie sie von den Älteren vorgelebt werden. Dazu kommt die Anziehungskraft, die Europa auf sie ausübt.« Zuletzt gingen Initiativen von der afghanischen Zivilgesellschaft und von offizieller Seite aus, die über Spots in Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Bleiben animieren. – mit begrenztem Erfolg. Wenige Hundert Meter Luftlinie vom Busbahnhof und der Universität Kabul entfernt wohnt Esanullah. Er arbeitet bei einer afghanischen Regierungsbehörde, die für die Stabilisierung und den Aufbau in den 36 Provinzen zuständig ist. Die rapide Auswanderung wundert ihn nicht. »Die Menschen spüren, dass die Regierung Ghani nicht liefert, was sie versprochen hat.« Esanullah ist ein Rückkehrer der anderen Art. Kein Flüchtling, sondern ein erfolgreicher Student, der etwas bewegen möchte in seinem Land. Er gehört zur neuen afghanischen Elite und ist mit einem Master der Universität York in England aus dem Ausland zurückgekehrt. Stolz hängt das Foto, das ihn mit Doktorhut und Abschluss-Diplom im Arm zeigt, gerahmt über seinem Schreibtisch. Mit viel Hoffnung ist er nach Kabul zurückgekehrt. »Die Regierung versagt. Sie verliert rapide an Vertrauen. Seit drei Monaten habe ich kein Gehalt mehr bekommen. Wenn du der eigenen Regierung nicht mehr trauen kannst, fängst du an, dir Gedanken zu machen«, stellt er nun desillusioniert fest. Fakt ist auch: Für die aktuelle Misere in Afghanistan tragen Deutschland und der Westen eine gehörige Mitverantwortung. Die westlichen Staaten finanzieren weiterhin den Löwenanteil des afghanischen Staatshaushalts. Zugleich sind wirtschaftlicher Aufbau und der Versuch die Institutionen über »Nation Building« zu stärken negativ verlaufen, gemessen an allen Prognosen. Bei positiverem Verlauf wären die meisten Menschen heute vermutlich nicht auf der Flucht. Eine Lösung wären effektivere Hilfen von Anfang an für die afghanische Wirtschaft gewesen. Wohnungsbauprogramme etwa, die Menschen langfristig in Arbeit bringen und Bedürftigen ein Dach über dem Kopf geben. Robuste Hilfen für afghanische Industrie und Landwirtschaft. Förderung von Solarenergie auch. Projekte, die das Land nicht nur als Absatzmarkt für deutsche und ausländische Waren begreifen. Bis 2006 hätte man so Fundamente legen können. Da waren die Taliban noch nicht erstarkt. Jetzt haben viele resigniert, auch weil Korruption oder gewendete Warlords herrschen. Und es sind die Geberländer, die viele gewendete Warlords an die Macht gebracht haben.

Dienstag, 31. Mai 2016

Rupert Neudeck, death of a Green Helmet


The death of Rupert Neudeck at age 77 is worth remembering, with regard to Afghanistan but also on an international scale as an example of radical humanitairan aid. A fervent human rights activist his philosophical and religious studies shaped him in the same way as did his encounters with the French intellectuals Sartre and the reading of Camus in the 70ies. Late in the 70ies and as a journalist, he founded the committee for Vietnam together with humanitarian doctors and other aids, who immediately afterwards would save the lives of more than ten thousand Vietnamese Boat People through means of the Cap Anamur, a frighter boat they had bought, to try and solve the crisis in this early flow of refugees coming from the far East. Interestingly, his biggest supporter in shipping the Vietnamese refugees to Germany became Ernst Albrecht, a conservative politician of the center-right CDU and the father of the current German secretary for Defense, Ursula von der Leyen. Albrecht acted pretty unconventionally at that time, allowing for the immigration of many of Cap Anamur's Boat People, as his organisation later on was to be called. Neudeck motivated many with his dauntlessness and optimism. It might be that even my father, a navy officer than in the cold war, converted to more reasonable work as part of the German civil society as a result of the encounter with the Cap Anamur in the Atlantic sea, as his vessel and Neudeck's boat closely met to exchange a salute. Later, Neudeck, with whom I have shared a decade together as editor at German National Broadcaster Deutschlandfunk, went on to found the Grünhelme or Green Helmets (kulha sabs in Persian/Dari), a relief organisation that he founded together with his wife and that since tries to build bridges between Western and Islamic societies, building hospitals, schools, health facilities and housing in more than 20 countries arount the world. More than 30 of these schools are in Afghanistan and were built especially in the region of rural Herat, some of which I could witness in the last years. Thousands of young Afghan children find a way to nurse their hunger for education in these schools. Though we currently see loads of young Afghans leave - illiterate and educated ones, who migrate to Europe as a result the lack of security in vast parts of the country, due to a deep economical crisis and as a consequence of a subjectively felt lack of perspectives in a corrupt society - schooling and education remain the crucial challenge and achievements in post-Taliban Afghanistan. For good reasons, Neudeck mistrusted the Kabul bureaucracy, be it Afghan governmental or Western aid driven. His organisation, like many others of small size and without costy offices, cars and administrative budgets, stood for money directly chanelled to those in need as compared to the major players. As with quite a few remarkable human rights activists, Neudeck was disputatious and reacted sensitively to criticism. This does not alter his record as a person serving human and humanitarian values and the understanding between cultures often alienated by means of politics and public media. Neudeck was stubborn in the eyes of my Afghan friends. He would not pay more than the equivalent of three US-Dollars (or 150 Afghanis) for workers who built the schools in Herat province out of the earth, water and mud of the deserty plains. Everything more than that he considered probably ruining the prices of the local construction industry, as he could witness through the years of foreign aid being shipped by billions into the country. Neudeck demanded a lot of his teams on site and in the conflicts, be it in Afghanistan, Iraq, Syria or in Africa. Luck and success were on his side most often in this. He payed it back to them by intervening actively into German politics in some of the important debates on war, rescue aid and refugees. He was far from being a pacifist, often actually misunderstood in this. One of his outstanding qualities was a sense of natural mistrust towards major organisations and governments who often claim to have the solution right at hand as a conflict begins. His experiences in World War II shaped him. He narrowly escaped to go on board of the Wilhelm Gustloff, a rescue ship in the fleet of the German Reich, bombarded and sunk in the Russian advance in Poland and that he luckily missed as a child with his family. His wife Christel was a congenial partner for him. Was motivated both, besides the desire to help without false Western martyrism, was the complacency and smugness of many of his German compatirots, he used to tell. The home of the Neudecks is still a model of modesty. A second name, Hamidi, has come to figure on the door bell. The family hosts a young Afghan migrant now. Rupert would probably say that in doing so, they only act up to their own responsability.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Into 2016: change makers


2015 seems to end with dull echoes on the next months to come: battles in Helmand with the spectre of a '2nd Kunduz', the young generation continuing to leave the country. But whoever continues to go and spend time in Kabul and in Afghanistan's provinces will be able to witness work of those parts of the society though who believe in change and are working hard to improve living conditions and keep hope afloat. My favorite this year in this context is the 2nd annual Students' theater festival (from nov. 8th to 11th 2015) eager and pragmatic in spirit to win back an audience after the murderous attack on a theater performance in Esteqlal lycée last december. Here are some pictures I took during this year's festival, including some rehearsals that students partly perform in private rooms due to the scarcety of official rehearsal rooms. The Festival, without any exaggeration, can be seen as a means by youths and academics who had orgainzed it, to try and keep a young generation in the country rather than to have them migrating abroad due to a lack of security and a deep economic crisis. The Festival was in fact the first event in which actors would appear publically on stage again as a sign to fight terrorism and let arts and cultural indentity revive. Just about a year ago, a suicide bomber had exploded himself during a running theater performance at Esteqlal Lycée, Kabul, killing one person and wounding many. For this year's Students's Festival, security precautions were taken, with Theater students and staff strict and searching spectators for their own security. With an audience of some 350 mostly young people daily on all four days, many females came to see the plays. It is to say that acting on stage for women in Afghanistan remains diffictult. Women speaking out loud in public are considered a taboo in Afghanistan's male-dominated society. They face with restrictions in their theater roles (a female addict cannot play out her role to the full degree without possible consequences) and professional careers. Laughing out loud in public is considered unusual and offensive to many a traditional Afghan man. Kabul's Faculty of Fine Arts, who hosted the Student's Theater Festival - on the contrary - took an open approach again this year, challenging the conservative fringe of society, even though the person in the picture above, playing an attractive US-female somewhere in Afghanistan, is a male Student and actor. See also my coverage here.